Pflege in Not oder in der Not ohne Pflege?!

In Corona Zeiten haben sich Wichtigkeiten verändert. Gesundheit wird, mehr als früher, als hohes Gut erkannt. Wer krank ist möchte gut behandelt werden und vertraut auf eine qualifizierte medizinische Versorgung und Pflege. Wir schauen auf Nachbarländer und sind froh um unsere staatliche Gesundheitsvorsorge und die ausdifferenzierten Angebote.

Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung; wer genau hinsieht, bemerkt eine rasante Verschlechterung in unserem Gesundheitssystem, die vor einigen Jahren begonnen hat und sich immer dramatischer entwickelt. Immer mehr Kliniken werden privatisiert und arbeiten wie andere Unternehmen nach Wirtschaftlichkeitskriterien. Verstärkt wird dies durch ein verändertes Abrechnungssystem, in dessen Folge PatientInnen nicht mehr bedarfs- sondern entgeltggerecht behandelt werden. Kleinere Kliniken müssen schließen oder werden zu größeren zentralen Einheiten zusammengeführt. Das hat Nachteile, sowohl für PatientInnen, als auch für die Beschäftigten.

 

Der Notstand in der Pflege ist seit Jahren Thema und wird zur Kenntnis und in Kauf genommen. Es gibt Nachwuchsprobleme, da für immer weniger eine Ausbildung attraktiv scheint. Das wundert nicht, wenn man sich die Arbeitsbedingungen betrachtet. Der Bereich verlangt enorme körperliche Anstrengungen, die Bereitschaft zu Wechselschichtdiensten, sowie an freien Tagen zum Dienst zu kommen, um spontan entstehende personelle Lücken zu füllen, und das Erdulden von verbalen Entgleisungen und körperlichen Übergriffen durch PatientInnen. Die Arbeitsdichte steigt und damit auch die psychische Belastung. Immer weniger MitarbeiterInnen müssen sich um immer mehr, immer kränkere und pflegeaufwendigere PatientInnen kümmern. Aus Ersparnisgründen werden Stellen nicht mehr besetzt  oder alternativ mit billigeren PflegehelferInnen und Kräften aus dem Ausland. Die Anzahl examinierter Pflegekräfte mit dreijähriger Ausbildung pro Schicht wird weniger. Das erzeugt Druck  und macht Angst, immer häufiger alleine die Verantwortung tragen zu müssen. Der Krankenstand in der Pflege ist dementsprechend hoch, auch der Anteil an Langzeitkranken, die ausgebrannt und mit mit ihren Kräften am Ende sind. Dies liegt auch daran, dass man ständig in der  Diskrepanz lebt, die Qualitätsstandards der eigenen Ausbildung im Alltag nicht umsetzen zu können. So führen zu knappe Zeitvorgaben dazu, dass der für die Gesundung so wichtige zwischenmenschliche Kontakt vernachlässigt wird. Den PatientInnen, die einen Anspruch auf qualifiziertes und motiviertes Personal und eine gute Versorgung haben, wird man damit keineswegs gerecht.

 

Der Pflegeberuf ist entstanden aus einem christlichen Handlungsansatz heraus: der Nächstenliebe. Als Beweggründe für die Berufswahl werden auch heute noch genannt: der Wunsch mit Menschen zu arbeiten und sie bei der Genesung zu begleiten, durch lebendige Hilfsbereitschaft, Fürsorge und Empathie.

Doch wer fühlt mit den MitarbeiterInnen? Sie sehen sich mehr und mehr alleine gelassen. Es fehlt an Respekt und Wertschätzung für ihre Arbeit, die sich nicht nur in vollmundigen Sonntagsreden oder Beifallsbekundungen erschöpft. Es fehlt generell an einem gesellschaftlichen und politischen Rückhalt und einer Stimme, die Forderungen unüberhörbar formuliert und für eine Umsetzung sorgt.

Dazu  braucht es einen gesellschaftlichen Diskurs zur Frage: wie wollen wir bei Krankheit und im Alter medizinisch versorgt und gepflegt werden. Und darüber hinaus: was ist es uns wert?

Wollen wir als PatientInnen zur Ware werden, mit der die Gesundheitsindustrie Geld verdient?

Oder sehen wir Gesundheit und Pflege als staatliche Aufgabe der Daseinsvorsorge, die dringend in die öffentliche Hand zurückgeführt werden und bedarfsgerecht finanziert werden muss?

Wenn wir uns dafür entscheiden, dann ist es keine Frage, dass alles dafür notwendige getan wird. Eine Reform des Gesundheitswesens, angefangen von ausreichend Betten in dezentralen Klinikeinheiten bis hin zu Arbeitsbedingungen, die den Pflegeberuf wieder attraktiv machen.

Diese Bedingungen beinhalten: die Besetzung freier Stellen mit qualifiziertem Personal und weitergehende personelle Aufstockung; einen höheren, der Belastung und der Verantwortung entsprechenden Lohn; die flächendeckende Auszahlung zugesagter Bonusleistungen; mehr Freizeitausgleich; großzügige Reha Leistungen im Sinne einer Gesundheitsfürsorge und einen Familienausgleich (z.B. Unterstützung bei der Kinderbetreuung).

Wenn uns die Mitarbeitenden in der Pflege wichtig sind, dann muss es nicht dazu kommen, dass eine Kollegin nach einigen Jahren im Beruf sagt: „Hätte ich vor meiner Ausbildung gewusst was auf mich zukommt, dann hätte ich mich für etwas anderes entschieden. Der Beruf ist aus Barmherzigkeit entstanden, der Lohn ist immer noch zum sich erbarmen“.

 

Gabriele P.